Perspektiven Und da ist jetzt schon wieder etwas passiert...


„Luxusstudium“, sagte da einer, der neben seiner wenig profilierten und daher unter dem Wahrnehmungsniveau dahingeigelnden (Geigeln = langsames und daher sehr unsicheres Radfahren in Zickzackbewegungen) Tätigkeit als Wirtschaftsminister auch die Agenden eines Wissenschaftsministers auszufüllen hätte.

 

Hädad – wie man hierzulande und unbeeinflußt von bundesdeutschem Fernsehidiom sagen würde.

 

Ein Studium dient normalerweise zur Aufnahme bis davor fremden, jedoch als interessant eingestuften Wissens. Irgendjemand hat dereinst bestimmte Mindestparameter wie Studieninhalte & -zeiten zur Erlangung bestimmter Erfolgskriterien festgelegt, die denjenigen, die diese Kriterien erfüllten, die Führung eines diese Qualifikationen anzeigenden Titels erlauben.

 

Selbstverständlich winken jenen, die solche Titel tragen, verbesserte Lebensstrukturen gegenüber jenen, die nicht über den/die Titel verfügen. So sagt man…

Leute, die zwar eine Zeit lang studieren, jedoch keinen titelbehafteten Abschluß ergattern, nennt man Drop-outs, was ein wenig an die kollateralen Ergebnisse von nuklearen Explosivereignissen erinnert.

 

Für die Titelinhaber gibt’s – so ist’s in unserer Welt nun mal der Brauch! – einen Markt, auf dem sich, wie sich das so gehört, das Feilgebotene bewertet wird. Wirtschaft kommt ja nicht aus dem gastronomischen Bereich, in dem sich Wirte um das Wohl ihrer Gäste kümmern, sondern vom Wort „Wert“: alles, was Wert schafft, ist Wirtschaft.

 

Ein Doktor der Rechte kann sich also auf dem Markt umschauen und seine Qualifikation dem Bestbieter verkaufen, vermieten bzw sonst irgendwie lukrativ zur Verfügung stellen. Ebenso wird der Mag. rer. soc. oec. (= Wirtschafts- und Sozialwirtschaftler) nach einem guten Plätzchen Ausschau halten und finden können. Auch Mediziner, Techniker, Architekten und ähnlich kernig Qualifizierte können nach lukrativen Einkommensquellen spähen & jagen, die ihnen – wenigstens & hoffentlich – die Kosten und Einkommensentgänge der mageren Studienjahre ausgleichen.

 

Die Studienrichtungen, deren Absolventen günstige Marktbedingungen vorfinden, sind a) zumeist ziemlich überfüllt, und man weiß nicht, wo man sie adäquat ausbilden kann, und b) eben dadurch bereits ein wichtiger Wirtschaftsfaktor: neue Hörsäle, neue Laboratorien etc. schaffen Arbeitsplätze unter anderem im Bausektor, in der Maschinenindustrie usw.

 

Menschen, die sich ab dem ersten Betrachten eines Bildes der Cheopspyramide unwiderstehlich zum Studium der Ägyptologie oder der Arabistik  gezogen fühlen, finden selbstverständlich gähnend leere Hörsäle vor, in denen die wenigen Studenten bereits in frühen Semestern statt Vorlesungen Privatissimen (korrekte Mehrzahl: Privatissima) und Kooloquien genießen können. Dies, obwohl es auch relativ wenige Professoren, Dozenten und Assistenten für diese Fächer gibt.

 

Tja – und auf welchem Markt bietet ein g’studierter Arabist seine Qualifikationen an, ohne eventuell terroristischer Subversion verdächtigt zu werden? Archivare in Universitäten sind seit der Erstellung entsprechender EDV-Systeme bereits den von ihnen verwalteten Museumsstücken ähnlich geworden. Lehrer gibt’s auch – zu – viele, die mit diesen Inhalten punkten könnten.

 

Ja, stimmt, Herr Minister M.: das sind Luxusstudien. Per definitionem also Aufnahme sinnlosen Wissens.

Wer aber definiert, was sinnvoll und was sinnlos ist?

 

Ha, richtig: der Markt!

 

Das hatten wir doch schon. Der Markt reguliert alles. Da ist der liberale und heute von den Konservativen laut getrommelte – es sollte also neokonservativ heißen; liberal ist nie aus der Mode gekommen! – Satz, dem alles unterzuordnen ist.

Beispiele gefällig? Der Markt hat geregelt, dass etwa das 300 000 000 000-fache der weltweiten Wirtschaftsleistung in Form von Wertpapierhandel geschöpft wird. Wie diese „Wert“schöpfung ausschaut, möge man sich an den diversen Blasen vom holländischen Tulpenzwiebelhandel im 17 Jh. bis zu den Immobilienaufblähungen in den USA und in Spanien anschauen.

Oder am plötzlichen Niedergang der irischen, der isländischen, der griechischen etc. Wirtschaften.

Oder an den feinen Bankmachenschaften, die Kärnten de facto in die Pleite getrieben haben und uns Steuerzahler bei weitem mehr kosten werden, als das Projekt, überproportional mehr Flüchtlinge aufzunehmen als uns bevölkerungsproportional zukommen würde.

 

Da waren – so begreife ich das! – lauter Leute am Werk, die kraft ihrer Ausbildungen hohen Marktwert hatten und nicht mit sinnlosem Wissen belastet.

 

Wie tönern die Füße sind, auf denen die Beurteilung von Studiengängen nach deren Sinnhaftigkeit für die Wirtschaft = Gesellschaft ruht, zeigt eine Aussage eines gewissen Herrn Grassers, der ja seit seiner kurzen aber wirkungsvollen Teilnahme an der Bundesregierung, schon in vielen Medienmeldungen und vor vielen Gerichten erschienen ist – ehe ich’s vergesse: selbstverständlich gilt für ihn noch die Unschuldsvermutung, wobei ich dieses „noch“ in ähnlichem Kontext zu lesen glaube wie eine große Anzahl von Österreichern, als sie Ende August 1914 in der Neuen Freien Presse die Schlagzeile erblickten, die da lautete „Noch ist Lemberg nicht verloren“.

Also dieser Herr Grasser sagte einmal, dass man mit Sinologie und Orientalistik nichts anfangen könne.

Nicht einmal zehn Jahre später sind Menschen in ganz Europa zur gesuchten Spezies geworden, die neben der Beherrschung eines chinesischen Dialekts auch noch etwas mehr als eine Ahnung von der chinesischen Kultur haben. Man tut sich einfach leichter, wenn man die Hintergründe dafür weiß, warum Menschen aus anderen Bereichen dieses Planeten anders ticken, weil man sich auf sie einstellen kann. Und der Versicherungsmakler, der sich optimal auf einen Kunden einstellt, wird Polizzen verkaufen. Analog gilt dasselbe für Autoverkäufer, Wirte und Fußpfleger….

Mit der anhaltend schwieriger werdenden Situation, die aus dem Nahen bzw Mittleren Osten – damit ist weder die Slowakei noch Ungarn gemeint, Herr Wissenschaftsminister! – zu uns schwappt, wird sich auch die Bedeutung allfällig vorhandener Orientalisten, Arabisten, Ägyptologen etc. erhöhen. Nicht zuletzt, um unliebsame –isten leichter erkennen und ihre Schachzüge vorausberechnen zu können. Außerdem tut man sich mit einem Eindringling – dieser Ausdruck möge jene ansprechen, die sich vor einer um sich greifenden Islamisierung fürchten und diese Furcht in ihren Populismen viral zu verbreiten suchen – leichter, wenn man seine Sprache spricht. Wer hier Orientierung benötigt, der frage die Menschen, die bei der Befreiung durch die Rote Armee im Jahr 1945 des Russischen mächtig waren. Mein Großvater konnte aus dem Krieg 1914 – 18 Russisch und veranstaltete dann – 1945 – zusammen mit 3 sowjetischen Offizieren klassische Hausmusik (Violine, Violoncello und Klavier).

 

Das heißt: Wissen unterliegt in seiner Bewertung durchaus einem Modediktat. Gefragt ist, was gefällt. Oder Probleme zu lösen hilft.

Nimmt man dann zur Bewertung eines Menschen, die sich an mehr als an dessen marktrelevanter Tüchtigkeit orientiert, auch noch die Integrationsfähigkeit eines Individuums dazu, dann wird’s plötzlich rasend interessant, wenn sich ein Immobilienfachmann mit den geologischen und meteorologischen Gegebenheiten eines Standortes auskennt, die er aus Sagen und Märchen einer bestimmten Region erkennen kann: Warum wurde die Alm am Hochkönig mit Eis übergossen? Warum ist dieser Hang verwunschen? Gibt’s da vielleicht gehäuftes Lawinenrisiko oder überproportionales Unwetteraufkommen?

 

Je mehr man weiß, desto weniger muß man glauben!   

 

Fachleute sind, sofern sie halt nur in ihrem Fach ausgebildet sind und über nichts anderes reden können, langweilige Fachidioten. Natürlich sind kategorisierbare Fachidioten für die, die ein Volk steuern wollen, viel einfacher handzuhaben, sprich: zu kontrollieren. Das gilt generell für Idioten.

 

Alles klar, Herr Wissenschaftsminister. Unterstellen Sie die Wissenschaft der Wirtschaft, dann werden Sie sich leichter tun, Ihre Vorhaben durchzusetzen. Eigentlich sollten diese beiden Funktionen genauso getrennt sein wie jene des Landwirtschaftsministers von den Agenden des Umweltschutzes. War da nicht einmal so ein Instrument wie Unvereinbarkeit von Tätigleiten? A ja: Ein Finanzminister darf nicht gleichzeitig (s)eine Wirtschaftsprüferkanzlei führen.

 

Gehen wir noch einmal zu den zunehmend notwendigen Integrationsbestrebungen zurück. Warum machen wir uns nicht die Expertise der zu uns kommenden Schutzsuchenden zunutze? Ja, es gibt da und dort Leute, die bei der Feststellung helfen, einen Tunesier zu enttarnen, der vorgibt ein geflüchteter Syrer zu sein. Das ist einfach, weil sich das Arabisch des Maghreb so von dem in Syrien gesprochenen unterscheidet wie das Südburgenländische vom Montafonerischen.

 

Und weiter: Wie neugierig sind wir in unseren Urlauben auf fremdländische Küchen? Bieten wir doch den kulinarischen Ergüssen, die da von vielen Menschen mitgebracht werden, eine Bühne. Im April vergangenen Jahres veranstalteten Flüchtlinge, die in Perchtoldsdorf eine neue Heimat gefunden haben, eine Einladung zu ihren lukullischen Spezialitäten. Das Angebot war so gut, dass es nicht lange dauerte, bis es von den Gästen aufgegessen war. Und wenn der eine oder andere Flüchtling seine Spezialitäten verkaufen würde, könnte man tatsächlich auf Hirnrissigkeiten wie Mindestsicherung etc. verzichten.

 

Unsere Gesellschaft wird alt. Wir benötigen Menschen, die die Pensionskassen positiv beeinflussen. Wir benötigen Menschen aller Bildungsgrade und keine Zäune, die von Leuten unterbelichteter Geisteshorizonte als das einzige Heil erachten.

 

Da heißt’s aufpassen, dass nicht dieses Heil plötzlich wieder zur Grußformel stilisiert wird, nur weil’s ein paar Idioten schon vergessen haben und – weil bildungslos – auch nicht Büchern entnehmen können.

               

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Freud, schau owa!

 

1956 und 1968 brachen für Menschen in Ungarn bzw in der Tschechoslowakei Zeiten an, die unter dem Begriff „Panzerkommunismus“ in die Geschichte eingingen. Die Rote Armee machte den Demokratiebestrebungen der ungarischen Bevölkerung ein Ende; die Truppen des Warschauer Pakts beendeten den Prager Frühling.

Menschen, denen diese Bewegungen nicht gefielen, verließen ihre Länder: sie flüchteten. Zum Teil wegen tatsächlicher körperlicher Bedrohung durch die Invasoren, zum Teil wegen des Gefühls, nicht mehr Individuum sein zu dürfen und sich einer verordneten Gesellschaftsform unterwerfen zu müssen.

 

Auch die unter Sichel & Hammer stehenden sozialistischen Bruderstaaten – man nannte sie pleonastisch Volksrepubliken! – „produzierten“ Flüchtlingsströme: DDR, Polen, Tschechoslowakei, Ungarn, Bulgarien, Rumänien und auch die Sowjetunion selbst kämpften mit dem Problem, das sich mit dem kriminalisierenden Metapher „Republikflucht“ maskierte.

Viele bezahlten ihre Fluchtversuche mit dem Leben. Jene, denen die Flucht gelang, wurden in den anderen europäischen Ländern, in den USA, in Kanada, in Australien willkommen geheißen. Daß selbstverständlich auch manche aus rein wirtschaftlichen Gründen in den „goldenen“ Westen kamen, verleitete daselbst niemanden zu einer Definition namens Wirtschaftsflüchtling.

Die Flüchtlingswellen 1956 und 1968 wurden mit großer Herzenswärme empfangen – von Menschen, die hierzulande im Schnitt weit weniger besaßen als es heute der Fall ist. Sogar der Fall des Eisernen Vorhanges 1989 wurde mit überschäumender Willkommenslaune beantwortet.

 

Heute wird der Begriff Asylant etwa so pejorativ gebraucht wie Negerant (= Mittelloser), Tschecherant (= Alkoholiker), Puderant (= Sexsüchtiger).

Und flugs wird eine Unterscheidung aufgezogen, die da heißt „Kriegsflüchtling“ = guter armer und bedauernswerter Flüchtling und „Wirtschaftsflüchtling“ = böser armer aber gieriger Flüchtling.

 

Als sich die Textilindustrie des Waldviertels unter dem fernöstlichen Konkurrenzdruck in Fetzen auftrennte, sprich: zerfiel, machte niemand einem Textilarbeiter aus Groß-Siegharts den Vorwurf, ein Wirtschaftsflüchtling zu sein, weil er – samt Familie – seinen Heimatort verließ und nach Wien, Linz oder St. Pölten ging, um dort als Bauhackler zu arbeiten, während seine Frau hinter einer Supermarktkassa verschwand, um das Familieneinkommen aufzufetten, was sie zu Hause als Nebenerwerbsbäuerin getan hatte. Als sich die Teppichwerke Groß-Siegharts auflösten, wurden fast 300 Menschen arbeitslos. Unter diesen 300 waren zum Teil ganze Familien, die im Betrieb gearbeitet hatten.

 

Wenn heute ein Fischer aus Moçambique seine Hütte verlassen muß, weil japanische Fangflotten seine Fischgründe systematisch geleert haben oder weil die Fische, die er in seinem Netz findet völlig mit Plastik kontaminiert und daher weder verkäuflich noch genießbar sind, dann würden er und seine Familie verhungern. Er und seine Familie sind also mit dem Tod bedroht.

 

Wer gibt uns das Recht, die Bedrohung durch Kriegseinwirkung als eine moralisch gerechtfertigte zu betrachten, während die Bedrohung durch den Hungertod nicht zu akzeptieren sei und als Konsequenz Flüchtlinge zu kategorisieren?  Vielmehr sollten wir in uns hineinhorchen und hören, dass ja wir diejenigen sind, die billige Produkte aus Niedriglohnländern haben wollen und denen es völlig egal ist, ob wegen billigen Aluminiums Flüsse aufgestaut, Wälder gerodet und Menschen vertrieben werden müssen.

Uijegerl! Da ist nur das kleine Problem, dass diese Vertriebenen ja nur zum Teil ins Nichts getrieben werden. Nein, diese Menschen, diese wütenden weil bestohlenen Menschen wandern. Und weil die Welt, Herr Wissenschaftsminister, keine Scheibe ist – ha, da würden diese Leute am Rand einfach runterpurzeln! – sondern  eine Kugel, kommen sie mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auch zu uns.

Die Wahrscheinlichkeit ist offensichtlich höher als bei „6 aus 45“, weil sie sind schon da.

 

Wir haben uns für ein paar Monate in Willkommenskultur gefallen. Jetzt gelten plötzlich Leute wie Fico, Tusk und Orbán als leuchtende Vorbilder.

Sie, die sie an der Spitze von Staaten stehen, die dereinst die größten Flüchtlingswellen und daher Völkerwanderungsbewegungen ausgestoßen haben, sind heute die, die keinerlei Bereitschaft zeigen, Flüchtlinge aufzunehmen. Welcher psychologische Akt der Verdrängung, der  Verleugnung findet da statt?

 

Die psychiatrische Klinik namens Europa ist gefordert. Funktioniert diese nicht, indem sie diese schwererziehbaren „Patienten“ zur Vernunft bringt, dann hat sie versagt. Dann bleibt nur mehr der € als einigendes Band – wenn auch ohne Fünfhunderter….

 

Und dann kommt wahrscheinlich wieder dieser Gruß mit dem Heil in Mode.  

 

Denn wenn sich die Blödheit, mit der da jemand bestimmte Studiengänge als Luxusstudium bezeichnet, durchsetzt, dann werden in Europa wieder die Lichter ausgehen. Rechts ist ohnehin recht modern und salonfähig geworden. Nicht?

...und da ist jetzt schon wieder etwas passiert!